Hervorgehoben

Zwischen Baufehler und Weltrekord

Ein Patzer muss nur schwer genug werden, schon wird eine Attraktion daraus. Das passierte schon in einigen Gemeinden weltweit, die sich um den Titel des schiefsten Turms streiten.

Steht der Turm nicht ein bisschen schief? Da muss wohl jemand gepfuscht haben! Sowas mag man sich bei Gebäuden wie dem Kirchturm in Suurhusen (Niedersachsen) denken. Aber für das ostfriesische Dorf wurde der Patzer zu einem Aushängeschild, die Leute sind stolz auf das eingesunkene Bauwerk.

Denn ab einer bestimmten Neigung wird der Baufehler zur Sensation: Schiefe, aber dennoch standfeste Türme ziehen sofort die Blicke auf sich. Die Kirche in Suurhusen ist mit einem Neigungswinkel von 5,19 Grad sogar um ein Grad schräger als der berühmte Schiefe Turm von Pisa. Damit gilt der niedersächsische Kirchturm als der schiefste Turm der Welt – bestätigt durch einen Eintrag für nicht absichtlich schief gebaute Gebäude im „Guinness-Buch der Rekorde“. Aber wie kam es dazu?

Anfang des 15. Jahrhunderts wurde der heutige Turm nachträglich angebaut, erzählt Dorfpfarrer Frank Wessels. „Weil damals kein Platz war für einen gesonderten Glockenturm“, sagt er. „Die Friesen gründeten ihre Häuser oft auf Eichenpfählen, die sie bis zu 20 Meter tief in den Grund schlugen“, erläutert Detlef Böttcher, Sachverständiger für konstruktive Denkmalpflege. Auf einem solchen Fundament steht auch der Kirchturm von Suurhusen. Eine stabile Angelegenheit, so lange das Holz feucht bleibt. Ein Jahrhundert später senkte man jedoch den Grundwasserspiegel absichtlich ab, weil der Boden zu nass war. Das Holz lag zunehmend frei und vermoderte; die Grundlage für die Schiefe. Das ging einige Jahrzehnte gut, hätte aber früher oder später zur Katastrophe geführt.

Artist’s Rendition

Dass der 27,37 Meter hohe Turm in Schieflage geraten war, entdeckten die Bewohner Suurhusens bereits um 1885. In den darauffolgenden Jahren kippte der Turm dann „rapide“, wie der Pfarrer erzählt. „1974 mussten wir die Kirche schließen wegen Baufälligkeit“, sagt Wessels, sogar Steine fielen bereits herab, der Turm musste gesperrt werden. Von 1982 bis 1989 folgte eine Sanierung auf Privatinitiative, der Untergrund wurde mit Stahlbeton aufgefüllt. Seit Mitte der 1990er Jahre gilt das Absinken des Turmes als aufgehalten. 2007 kam dann die Auszeichnung: Mit der Rekordschiefe wurde der Turm ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Heute lockt der Kirchturm aus rotem Backstein viele Besucher in den kleinen Ort.

Doch Suurhusen muss inzwischen um den Titel für das „architektonische Meisterwerk“ bangen. Auch andere Städte und Gemeinden machen ihrerseits auf ihre schrägen Gebäude aufmerksam. Harte Konkurrenz kommt zum Beispiel vom Kirchturm im thüringischen Bad Frankenhausen. Allerdings ist er nur um 4,8 Grad geneigt, auch wenn er wegen seiner Höhe von 53 Metern wesentlich schräger wirkt. Doch anders als in Suurhusen kippt dieser Turm immer weiter – gut, wenn ein Weltrekord angestrebt wird, weniger gut allerdings für die Stabilität des Gemäuers und nach einer Weile sogar gefährlich. Zu manchen Zeiten gab der Turm bis zu sechs Zentimeter pro Jahr nach. Für den Sommer 2011 sei sogar der Plan zum Abbriss gefasst worden, Bürgermeister Matthias Strejc konnte das aber noch verhindern. Er träumt davon, nach den Baumaßnahmen das „schiefste Standesamt der Welt“ zu eröffnen.

In Dausenau in Rheinland-Pfalz hingegen beträgt die Schiefe eines Wehrturms ganze 5,24 Grad. Auf dem Papier ist das Gebäude somit schiefer als der Suurhusener Kirchturm. Allerdings reichte es auch hier nicht für einen Weltrekord. Die Begründung der Guinness-Redaktion: Der Trutzbau in Dausenau sei nur eine vergammelte Ruine, das zähle nicht.

Dass alte Gebäude sich im Laufe der Jahre neigen, hat meist mehr Ursachen als einfache Baufehler. Damalige Bauweisen, gepaart mit einem nachgiebigen Untergrund, sorgen für die optische Kuriosität. Auch die geografische Lage spielt eine Rolle.

In Suurhusen wurde damals mit Muschelkalk gemauert. Wegen der Nähe zum Meer holten die Baumeister die Muscheln dafür direkt von dort. „Sie wurden gemahlen, gebrannt, und dann wurde das mit Sand gemischt“, sagt Pfarrer Wessel. Das werde genauso hart wie Zement, bleibe aber in sich elastisch.

Ob der Weltrekord für Suurhusen in Gefahr ist? Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen mehreren Gemeinden und Städten. Noch liegt die ostfriesische Stadt aber vorne, wie Dorfpfarrer Frank Wessel stolz verkündet.

Denn so schräg und wackelig Suurhusens Kirchturm auch aussieht, sein Rekord bleibt erstmal wacker stehen.

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